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Interview

Ein Leben für Kunella

25 Jahre Brandenburg: Lothar Parnitzke, Geschäftsführer der Kunella Feinkost GmbH
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Alles begann mit einem Buttergeschäft in Cottbus in der Sandowerstraße 54. Im Jahre 1894 legten Ludwig Kunert und seine Frau Anna den Grundstein für ein erfolgreiches Feinkost-Unternehmen mit 37 Filialen in Brandenburg, Sachsen und Schlesien. Aus Cottbus nahm die Firmengeschichte ihren bewegten Lauf: Zwei überstandene Weltkriege, Kaiserreich, Weimarer Republik und den Nationalsozialismus, die Verstaatlichung in der DDR und die Privatisierung im Jahre 1991.

In seiner 120-jährigen Unternehmensgeschichte hat sich die Welt mehrmals komplett verändert, doch Kunella ist sich und seinen Cottbuser Wurzeln treu geblieben. Und dies ist nicht zuletzt einem Mann zu verdanken, der nicht nur über einem Kunella-Geschäft geboren und aufgewachsen ist, sondern der bereits 1963 als Schüler in den Ferien bei Kunella mitgearbeitet hat und sofort von der „Kunella-Familie“ ins Herz geschlossen wurde. Seit 1974 führt und leitet Lothar Parnitzke die Geschicke des Unternehmens, durch alle Höhen und Tiefen und stets mit dem Blick in die Zukunft. Die Wirtschaftsförderung Brandenburg hat den im Jahre 2006 als „Cottbuser des Jahres“ geehrten Geschäftsführer besucht und zu seinen Erlebnissen und Erfahrungen der jüngeren Geschichte Brandenburgs befragt.

Portraitbild Lothar Parnitzke
Lothar Parnitzke, Geschäftsführer der Kunella Feinkost GmbH

 

WFBB: Wie und wo haben Sie denn den 9. November 1989 erlebt?

Lothar Parnitzke: Ich war mit einem Berufskollegen auf einer Tagung der Betriebsdirektoren in Magdeburg und habe sowohl dort, wie auch auf der Rückfahrt von der Grenzöffnung schlicht nichts mitbekommen. Wir wären sonst bestimmt gleich nach West-Berlin gefahren. Erst am nächsten Morgen habe ich im Fernsehen von den Ereignissen des Vorabends erfahren.

 

WFBB: Was bedeutete der politische Umbruch für Sie/Ihr Unternehmen?

L.P.: Eigentlich habe ich da an überhaupt nichts gedacht. Man wusste ja nicht, wie es weitergehen und sich entwickeln würde. Für mich stand nur fest: Es muss und es wird weitergehen. Darüber war ich mir mit allen Kollegen einig.

Aber lassen sie mich etwas ausholen, damit Sie die Verbundenheit mit unserem Unternehmen besser verstehen. Wir, das heißt acht Kollegen und ich, haben vor der Wende auf dem Firmengelände in Eigenarbeit nach Feierabend neue Fertigungshallen gebaut. Das waren sieben harte, anstrengende Jahre. Und obwohl wir weder Parteimitglieder waren, noch die Auszeichnung beantragt hatten, wurden wir vom Staat für unser zweites Arbeitsverhältnis mit dem Orden „Banner der Arbeit“ ausgezeichnet.

In der Wendephase, aber noch zu DDR-Zeiten, habe ich dann einen Geschäftspartner aus den alten Bundesländern kennengelernt, der hierher gekommen ist. Er hat sich sechs Stunden lang mit mir unterhalten und gefragt, was ich denn mit dem Betrieb machen möchte. Nachdem ich ihm von unserem, damals ja noch VEB-Betrieb, erzählt habe, sagte er: „Dann lassen Sie uns doch mal anfangen!“ Wir sind dann durch das Unternehmen gegangen und haben geschaut, was wir an Maschinen, Ausstattung, Gläsern, Flaschen, Etiketten usw. brauchen. Außerdem hat er noch westdeutsche Freunde mit ins Boot geholt, die sich mit Technik, Versicherungen und Marketing auskannten und daraufhin Maschinen bestellt. Bis zur Wende hat er per Handschlag 900.000 D-Mark angezahlt, damit es überhaupt weiterging.

 

WFBB: Was waren Ihre Befürchtungen/Zweifel, was waren Ihre Hoffnungen?

L.P.: Ich habe immer nach vorne geblickt und die Verantwortung übernommen, Lösungen für das Fortbestehen unseres Unternehmens zu finden, damit es weiter geht. Eins muss ich aber ganz deutlich sagen: Man kann so fleißig sein wie man will, wenn man den finanziellen Rahmen nicht hat, dann schafft man das nicht. Mein großes Glück war es, Geschäftspartner kennen zu lernen, die mit mir an Kunella geglaubt haben.

 

WFBB: Wie haben Sie den Übergang zur Marktwirtschaft empfunden?

L.P.: Mein Geschäftspartner hat mir empfohlen, einen Antrag auf Privatisierung zu stellen. „Ohne Geld?“ war meine Antwort. „Na ist doch kein Thema“ war wiederum seine. Als kurz darauf Günter Lühmann als neuer Treuhandchef nach Cottbus kam, habe ich gleich an seinem ersten Tag einen Termin vereinbart und bekommen. Nach eineinhalb Monaten war unser Betrieb dann bereits privatisiert.

 

WFBB: Das war ja ein schneller Übergang zur Sozialen Marktwirtschaft!

L.P.: Ja, in der Tat. Ich war selber überrascht davon und habe Herrn Lühmann gefragt, warum es so schnell gegangen ist. Darauf sagte er: „Sie waren einer, der mich überzeugt hat. Das habe ich noch nicht erlebt. Davon war ich fasziniert.“

 

WFBB: Welche Umstrukturierungen/welche Neuausrichtungen haben Sie konkret in den vergangenen 25 Jahren mit Ihrer Firma erlebt?

L.P.: Der Anfang war sehr schwer. Wir haben ja zunächst nur wenige Produkte und geringe Mengen produziert, da wir noch nicht viele Abnehmer hatten. Meine Belegschaft hatte Arbeit für nur einen Tag in der Woche und die ersten Listungen mit den Handelsketten waren nur über geringe Mengen. Wir mussten mit dem Außendienst zu den Märkten hinfahren, die Bestellungen aufnehmen und dann die Ware mit der Spedition versenden. Unsere Lieferkosten waren zu der Zeit fast doppelt so hoch wie der eigentliche Warenwert. Und dann begannen erst die wirklichen Probleme: Fördermittel haben wir nicht bekommen, weil die Hausbank nicht mitgezogen ist, meine Kreditlinie wurde gestrichen, ich habe 40 Mitarbeiter übernommen, die einen Tag in der Woche gearbeitet haben aber für fünf Tage bezahlt wurden, und, und, und. Mit unseren drei Standard-Produkten: Delikatess-Mayonnaise, Raps-Öl und Lein-Öl haben wir es dann geschafft, unsere Produktion und Handelsbeziehungen kontinuierlich zu festigen und auszubauen.

Die Anfangszeit war geprägt durch wenig Aufträge, wenig Umsatz und wenig Geld. Und dann kam noch ein weiteres Hindernis dazu: Klagen gegen die Marke Kunella. Der Name, das Auftreten… Ich hatte nicht vermutet, dass das gegenseitige Verklagen eine Art Volkssport ist, und dass Schoko-Creme mit Mayonnaise verwechselt werden könnte. Aber diese Zeiten liegen hinter uns.1995 konnten wir wieder ganztags arbeiten, wir wurden wieder kreditiert und ich konnte anfangen, unsere Schulden abzubauen.

Der Geschmack unserer Produkte hat letztendlich überzeugt, sodass der Handel auf uns zugekommen ist und neue Produkte von uns haben wollte. Heute haben wir ein gut ausgebautes Produktsortiment, arbeiten zweischichtig und haben treue Anhänger in der ganzen Welt.

 

WFBB: Was war Ihre gelungenste und was Ihre bitterste Entscheidung?

L.P.: Von Entscheidung möchte ich hier nicht sprechen. Ich hatte das Glück, mit Menschen zusammen zu kommen, die mit mir an unser Unternehmen geglaubt haben und heute noch glauben. Dazu zählen meine Geschäftspartner genauso wie meine Mitarbeiter. Ich habe immer darauf geschaut, wie es weitergeht und nicht nur ich habe viel gearbeitet. Ich habe meiner Belegschaft gesagt, dass es sicher nicht so sein würde: „Wie im Osten arbeiten und wie im Westen leben.“

Auf eine Entscheidung bin ich aber schon stolz. Ich habe durch meinen engsten Geschäftspartner, der eine sehr soziale Ader gehabt hat, auch seinen befreundeten Versicherungsmakler kennengelernt und zusammen mit ihm am ersten Tag der Wende für jeden Mitarbeiter eine direkte Altersversorgung abgeschlossen. Hierüber sind meine Mitarbeiter und ich heute sehr glücklich.

Unternehmerisch war es eine wichtige Entscheidung, auf Auslandsmessen präsent zu sein und dort mit ausländischen Käufern zusammen zu kommen. Vor allem mit Russland haben wir über diesen Weg viele gute Geschäftsbeziehungen entwickelt. Auch dort Präsenz gegenüber gestandenen Westfirmen zu zeigen und Achtung zu erlangen, war für uns wichtig. Vor allem, da wir ja unser Geschäft ohne eine große Lobby aufgebaut und behauptet haben.

 

WFBB: Wenn Sie die Geschichte zurück drehen könnten, in welchem Jahr würden Sie die Zeitmaschine stoppen, um eine andere Entscheidung zu treffen?

L.P.: Mit meinem heutigen Wissen hätte ich 1989 gleich zu Beginn einiges ganz anders anfassen und den Aufbau organisieren müssen. Damals aber war alles im Fluss und ich musste agieren und heute sind wir da, wo wir sind.

Vor nicht allzu langer Zeit ist der Sohn eines ehemaligen Mitarbeiters zu mir gekommen und mir gesagt, dass der letzte Wunsch seiner Eltern war, dass ich zur Beerdigung komme. Das sagt ja eigentlich alles. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen.

 

WFBB: Haben Sie eine besonders prägende Anekdote erlebt, die Sie uns erzählen wollen?

L.P.: Wir hatten hier auf dem Firmengelände eine Jubiläumsfeier zum 50sten Hochzeitstag von zwei ehemaligen Mitarbeitern, die sich hier kennengelernt haben. Das haben sich die Kinder ausgedacht, um ihre Eltern zu überraschen. Auf dem Innenhof haben wir mit der ganzen Belegschaft zusammen gefeiert. Sowas erlebt man nicht überall.

 

WFBB: Wo sehen Sie sich/Ihr Unternehmen in 10 Jahren?

L.P.: Man muss sehen, wie sich der Handel entwickelt. Im Moment bauen wir unser Sortiment mit gewürzten Ölen weiter aus. Neben unserem Produktsortiment werden wir auch in Zukunft vor allem in unsere Produktions- und Arbeitsbedingungen investieren. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Es wird Stück für Stück weitergehen.

Natürlich gab es auch schwierige, bittere Stunden, zum Beispiel als ich nach der Wende einigen Mitarbeitern kündigen musste. Aber auch hier haben wir Vorruhestands-Lösungen gefunden, mit denen sich letztendlich alle arrangieren konnten.

 

WFBB: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an das Land Brandenburg denken?

L.P.: Brandenburg ist nicht wie Bayern mit seiner blau-weißen Fahne. Was wir jedoch auf unseren Verpackungen betonen, ist der „Genuss aus der Spreewald-Region“. Somit verorten wir uns in dieser Region und lassen auch den typischen Spreewälder Genuss und damit ein Stück Brandenburg für uns sprechen.

Das Land Brandenburg selbst steht unternehmerisch nicht im Fokus. Das wäre zu eng gedacht. Eher Ostdeutschland und mit zunehmenden Anteil auch Deutschland gesamt.

 

WFBB: Wodurch hat das Land Brandenburg Sie als Person geprägt?

L.P.: Brandenburg ist das Land in dem ich lebe. Aber Cottbus ist meine Heimat. Hier bin ich geboren, aufgewachsen und hier habe ich meinen Lebensmittelpunkt. Auch meine Mitarbeiter kommen zu 90 Prozent morgens zu Fuß, mit dem Rad oder der Straßenbahn zur Arbeit. Das ist für mich regionale Verbundenheit.

 

WFBB: Herzlichen Dank für diese spannende Firmengeschichte, Herr Parnitzke. Wir wünschen Ihnen, Ihren Kollegen und Ihrem Unternehmen alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

 

Brandenburg hat sich in den 25 Jahren seit dem Fall der Mauer erfolgreich zu einem modernen Wirtschaftsstandort entwickelt. Dieser Erfolg ist eng mit dem persönlichen Einsatz von Unternehmern und Beschäftigten verbunden. Anlässlich des Jubiläums hat die Wirtschaftsförderung Brandenburg Unternehmer und Unternehmerinnen zu ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Entscheidungen in dieser bewegenden Zeit befragt.

 

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