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Interview

Schreiben mit Leib und Seele

25 Jahre Brandenburg: Wolfgang und Mathias Weiß, Geschäftsführer der Cleo Schreibgeräte GmbH
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Bad Wilsnack ist nicht nur eine vielbesuchte Kurstadt, sondern auch die Heimat eines weltweit geschätzten und „viel beschriebenen“ Unternehmens. In direkter Nähe zur Elbe und umgeben von 16 Hektar geschlossenem Wald werden hier exzellente Schreibgeräte hergestellt, und das mit langer Tradition. Ob Kurgäste die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt dafür nutzen, erste Ideen für Memoiren oder Krimis aufs Papier zu bringen und dabei einen Füller aus der direkten Nachbarschaft verwenden? Wer weiß: Auf jeden Fall steht fest, auch an diesem Ort wurde und wird Brandenburger Geschichte geschrieben. Die Wirtschaftsförderung Brandenburg hat die Firma Cleo Skribent in Bad Wilsnack besucht und die Geschäftsführer, Vater Wolfgang Weiß und Sohn Mathias Weiß, zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen der jüngeren Geschichte Brandenburgs befragt.

Portraitbild Wolfgang und Mathias Weiß
Wolfgang und Mathias Weiß, Geschäftsführer der Cleo Skribent GmbH

 

WFBB: Wie und wo haben Sie denn den 9. November 1989 erlebt?

Wolfgang Weiß: Den 9. November habe ich zusammen mit meiner Frau bei mir zu Hause erlebt. Wir konnten es gar nicht fassen, dass plötzlich die Grenze geöffnet wurde. Wie in Leipzig hatten wir auch hier eine offene Kirche, wo sich alle getroffen haben. Auch in der Belegschaft wurde schon seit längerer Zeit viel diskutiert: Was wollen wir eigentlich? In welche Richtung wollen wir? Was ist alles nicht richtig? Und, und, und. Dass dann aber wirklich die Grenze geöffnet worden ist, daran hatten wir nicht wirklich geglaubt.

 

WFBB: Was bedeutete der politische Umbruch für Sie und Ihr Unternehmen und welche Beweggründe gab es, die Firma weiterzuführen?

W.W.: Zunächst war da nur der eine Gedanke: Wir müssen irgendwie weitermachen! Ich war damals der Betriebsdirektor bei Cleo und im Februar 1990 habe ich mir eine Strategie überlegt, um den Betrieb am Leben zu erhalten. Die Treuhandgesellschaft war da ja noch nicht in Sicht.

Wir waren eine Fertigungsstätte des Schreibgeräte-Firma HEIKO Wernigerode und ich habe deshalb ein Schreiben an meinen vorgesetzten Betriebsdirektor geschrieben, in dem ich ihm dargestellt habe, dass es unter den heutigen Umständen zukünftig nicht möglich sein wird, hier in Bad Wilsnack marktwirtschaftlich zu agieren. Ich habe ihm vorgeschlagen, eine GmbH zu gründen und eigenständig zu wirtschaften. Daraus resultierte im April der Antrag zur GmbH-Gründung, der aber von der Firma und vom Kombinat abgelehnt wurde. Cleo hatte zu der Zeit als Zeichengerätehersteller noch eine unvorstellbar hohe Auftragslage gehabt und war damit für das Gesamtunternehmen das Juwel, das zu der Zeit noch Geld eingespielt hat. Im Mai habe ich dann einen deutlichen Brief an Herrn Pohl, den damaligen, neuen Wirtschaftsminister der DDR geschrieben, habe dafür eine Abmahnung vom Kombinat bekommen – aber dann ist doch das Okay von oben gekommen.

 

WFBB: Welche konkrete Vorstellung hatten Sie, wohin sich Ihr Unternehmen entwickeln könnte?

W.W.: 1989 hatten wir noch keine klare Vorstellung. Eigentlich hatte ich gedacht: Wir sind der Alleinhersteller von Tuschezeichengeräten und das machen wir auch weiter. Unsere Aufgabe in der DDR war es ja, alle sozialistischen Staaten mit diesen Artikeln zu versorgen. Der Export war also eine sehr wichtige Umsatzgröße. Dann fiel die Entscheidung, dass wir unsere GmbH gründen durften unter den Auflagen, dass die gesamte Tuschezeichengeräteproduktion durch das Werk in Wernigerode übernommen wird und der Zeitpunkt der Ausgründung erst nach der Währungsunion liegt. Dem habe ich zugestimmt. Sonst hätte ich keine Chance gehabt, eigenständig zu werden.

Letztlich haben wir entschieden, wieder klassische Schreibgeräte zu produzieren. Wir hatten ja bis 1963 hier klassische Schreibgeräte produziert – und erst danach nur noch Tuschezeichengeräte.

 

WFBB: Mussten Sie sehr viel in der Organisation und Produktion umstrukturieren?

W.W.: Wir waren bis zur Wende ein reines Spritzgussunternehmen mit sehr veralteten Maschinen. Um wieder Schreibgeräte produzieren zu können, haben wir dann bereits Anfang 1991 unseren Betrieb komplett mit neuen Maschinen ausgestattet. Wir hatten das Glück, dass wir einen guten Bankberater hatten, mit dem wir sehr offene Diskussionen führen konnten. Die wollten natürlich immer eine Sicherung haben – ohne dem ging es nicht.

Mathias Weiß: Was mein Vater vergisst – oder zu bescheiden ist zu sagen – ist, dass er ja bereits Kunden akquiriert hatte. Also große Schreibgerätehersteller aus Hamburg und Hannover, für die wir als Zulieferer tätig werden konnten. Das war eine sehr wichtige Phase am Anfang. Unser Know-how lag im Hochpräzisionsbereich, und damit konnte er Türen öffnen. Mein Vater hatte also schon insgeheim – ohne das dem Kombinat zu verraten – Kunden für Cleo gewonnen.

W.W.: Um den Standort zu sichern, war das die einzige Möglichkeit. Keiner hätte ja die Chance gehabt, hier woanders zu arbeiten. Wir leben hier eben in einer sehr ländlichen Region.

 

WFBB: Was waren Ihre Befürchtungen, was waren Ihre Hoffnungen?

W.W.: Es war ein Wechselbad der Gefühle. Jeder kam zur Arbeit und fragte: „Nun sag doch mal, was, wie geht’s denn nun. Was sollen wir denn jetzt machen?“. Für mich selbst habe ich da weniger überlegt. Es musste einfach weitergehen und ich habe Entscheidungen getroffen und einfach gemacht. Und das mit einer ganzen Fülle Naivität. Es war viel Abenteuer dabei. Man konnte das nicht planen. Fest stand nur: Alle wollten hierbleiben und weitermachen, also sind wir das alle gemeinsam angegangen. Der Standort stand jedenfalls nie zur Debatte.

 

WFBB: Wie haben Sie den Übergang zur Marktwirtschaft empfunden?

W.W.: Auch da habe ich nicht groß überlegt. Marktwirtschaft hin oder her. Wir mussten ja aktiv werden, wenn wir weiter existieren wollten. Meine Überlegung war ganz einfach: So kommen wir nicht weiter. Wenn der Export wegbricht, machen wir mit den Produkten, die wir hier produzieren, null Absatz. Das war mir 100 prozentig klar. Weil jeder – so wie wir selbst in der Familie auch – wollte doch kein DDR-Produkt mehr kaufen. Wir wollten auf einen Schlag alles vom Westen haben. Und vom Westen bedeutet: Wer Tuschezeichengeräte braucht, kauft eben nicht mehr Cleo. Alle haben sich doch danach gesehnt, mal was anderes zu haben. Und so war es für mich ganz klar, dass ich bei den großen Firmen akquirieren und uns als Zulieferer ins Gespräch bringen musste.

Und dann war da ja auch noch die Treuhand. Ab Mitte 1991 hatte ich jede Woche zwei bis drei Unternehmensberater im Haus, entweder von der Treuhand oder von anderen Gesellschaften und Banken. Da blieb nur wenig Zeit für das eigentliche Arbeiten. Es war teilweise eine gute Unterstützung, um strategische Fragen miteinander zu diskutieren, aber oft war es auch nervig, ständig Rapport geben zu müssen und seine Kompetenz immer wieder neu unter Beweis stellen zu müssen.

 

WFBB: Was waren Ihre gelungenste und Ihre bitterste Entscheidung?

W.W.: Am Anfang stand die bittere Entscheidung, dass man Mitarbeiter entlassen musste. Das war die erste ganz schwierige Situation, die auch viele Probleme im Ort geschaffen hat. Sowas kannte man ja gar nicht. Von 63 musste ich auf 40 Mitarbeiter runter. Das war eine harte Sache.

Die beste Entscheidung war, dass wir losgefahren sind und die Geschicke des Unternehmens in unsere eigene Hand genommen haben. Ich hatte mich Anfang 1990 dafür entschieden, das Unternehmen dadurch zu retten, dass wir als Zulieferbetrieb für andere große Schreibgerätehersteller arbeiten. So haben wir das Geld fürs Überleben und die Weiterentwicklung verdient. Ab 1994 konnten wir dann daran arbeiten, perspektivisch wieder eigene Produkte herauszubringen. Wir haben damals zuerst eine Vertriebsgesellschaft gegründet, um den Schreibwaren-Markt zu analysieren und strategische Erkenntnisse zu gewinnen. Bis 1998 haben wir dann vor allem Handelsware vertrieben, also Standard-Schreibgeräte für Handelsketten und Warenhäuser. Als wir auch hier einen guten Kundenstamm aufgebaut hatten, konnten wir mit der Entwicklung eigener Schreibgeräte mit eigener Marke beginnen.

Zu dieser Zeit haben wir eng mit der WFBB zusammen gearbeitet, die uns bei Forschungs- und Entwicklungsprojekten begleitet haben. Mit dem Programm Business-Transfer konnten wir einen Entwicklungsleiter einstellen, der uns mit seinem Know-how im Bereich Materialien und Verarbeitungsprozesse nach vorne gebracht hat und Produktentwicklungen vorangetrieben hat.

 

WFBB: Wie haben Sie es geschafft, eine eigene Marke auf den Markt zu bringen, ohne dabei von Ihren Kunden als Konkurrent gesehen zu werden?

W.W.: Ganz wichtig war dabei, dass wir unsere Kunden – für die wir ja weiterhin produziert haben und auch heute noch produzieren – in alle Eigenentwicklungen durch direkte und offene Abstimmung mit einbezogen haben.

Wenn man sich den Markt in Deutschland anschaut, kann man nur dann mit Schreibgeräten wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn man im Premiumbereich agiert. Auch unsere Kunden sind in diesem Segment erfolgreich tätig. Mit dem Zuschuss des Landes Brandenburg konnten wir Forschung betreiben, um neue Techniken, Materialien und Veredlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Durch die enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit unseren Kunden konnten letztendlich alle von unseren Entwicklungen profitieren und neue Produkte auf den Markt bringen. Cleo ist heute Experte mit verschiedenen Materialien wie Naturkautschuk und stabilisiertem Holz, einem Material, das erlaubt, mit sehr dünnen Wandstärken zu arbeiten und gleichzeitig vielfältige, natürliche Holzmuster hervorbringt. Und diese Expertise ist von unseren Kunden sogar gewünscht. Eine offene Wettbewerbssituation also, von der alle profitieren.

 

WFBB: Wenn Sie die Geschichte zurück drehen könnten, in welchem Jahr würden Sie die Zeitmaschine stoppen, um eine andere Entscheidung zu treffen?

W.W.: Die gab es bestimmt, aber bewusst könnte ich jetzt keine Situation benennen. Ich bin selten enttäuscht worden. 90 Prozent der Firmen, bei denen ich damals angerufen habe, haben gesagt: „Kommen sie vorbei!“. Ich bin überall mit sehr offenen Armen empfangen worden: Herlitz, Pelikan, Montblanc... Meine Gesprächspartner waren nicht nur an Umsatzzahlen und Leistungen interessiert. Wir haben viel über das Leben in der ehemaligen DDR geredet und wie das Leben im „Westen“ war. Und diese Offenheit war gegenseitig, bis heute. Vielleicht haben uns gerade diese Offenheit und das partnerschaftliche Miteinander dorthin geführt, wo wir heute stehen.

Dazu eine kleine Anekdote. Ich bin von Montblanc zu einem Geschäftstermin nach Hamburg eingeladen worden und sollte gleich einen Transportwagen mitbringen, um Schreibgeräteteile für Tests mitzunehmen. Mein Kompagnon und ich sind dann mit unserem Barkas hingefahren – also dem VW-Bus der DDR – in Grün und mit Knüppelschaltung. Was war das für eine Sensation, als wir damit auf den Hof fuhren. Ich glaube es hat keiner mehr dort gearbeitet. Es war ein Andrang um dieses Fahrzeug und dann durften einige auf dem Betriebsgelände eine Probefahrt machen. Es war der Wahnsinn! Und die Tests mit den Schreibgeräteteilen sind dann auch noch gut verlaufen und wir haben den Auftrag bekommen. Das war ein perfekter Start für eine gute Zusammenarbeit und ist in Erinnerung geblieben.

 

WFBB: Wo sehen Sie sich/Ihr Unternehmen in zehn Jahren?       

W.W.: Wir sind ja mittlerweile ein Familienunternehmen. Das heißt, mein Sohn und meine Tochter haben seit Januar die Geschäftsführung übernommen und leiten das Unternehmen. Wir machen jetzt noch die nächsten Jahre Übergang und dann kann das, glaube ich, ganz ordentlich weiterlaufen.

M.W.: Vor meinem Studium hatte ich nicht geplant, die Firma zusammen mit meiner Schwester zu übernehmen. Aber mein Vater hat eine gute Art zu vermitteln, dass man vieles entscheiden und bewegen kann. Und so ein Unternehmen ist natürlich auch eine tolle Chance. Ich hab deshalb in den letzten Jahren, neben meinem BWL-Studium, bereits viel in der Produktion mitgearbeitet, musste mich vielen technischen Dingen widmen und habe Lehrgänge mitgemacht. Wahrscheinlich wäre ein Maschinenbau-Studium auch nicht verkehrt gewesen, aber man kann nicht alles machen. Und es gibt bei uns sehr gute Abteilungsleiter, die uns zur Seite stehen.

 

WFBB: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an das Land Brandenburg denken?

W.W.: Dass das Land Brandenburg noch nicht allzu lange existiert. Dass ich vorher im DDR-Bezirk Schwerin zu Hause war und mich plötzlich im Land Brandenburg wiederfinde. Dass das Land Brandenburg sich sehr schön entwickelt hat. Also man kann sich hier wirklich wohlfühlen.

M.W.: Dass das hier nicht die stärkste Region ist, das wissen wir ja. Und obwohl die Prignitz am Rand liegt, werden wir nicht vergessen und von der Landespolitik besucht. Außerdem ist die Nähe zu unseren Kunden in Hamburg und Hannover auch hier gegeben. Mit der Prignitz verbinde ich ein starkes Heimatgefühl. Obwohl man hier auch kämpfen muss, mit viel persönlichem Einsatz.

 

WFBB: Herzlichen Dank für diese spannende Firmengeschichte. Wir wünschen Ihnen beiden, Ihren Kollegen und Ihrem Unternehmen alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

 

Brandenburg hat sich in den 25 Jahren seit dem Fall der Mauer erfolgreich zu einem modernen Wirtschaftsstandort entwickelt. Dieser Erfolg ist eng mit dem persönlichen Einsatz von Unternehmern und Beschäftigten verbunden. Anlässlich des Jubiläums hat die Wirtschaftsförderung Brandenburg Unternehmer und Unternehmerinnen zu ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Entscheidungen in dieser bewegenden Zeit befragt.

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