Kontakt

Bildergalerie

Download

Interview

Hier stimmt die Chemie

25 Jahre Brandenburg: Brigitte Schirmer, Geschäftsführerin der Allresist GmbH
Logo "Am Mute hängt der Erfolg"

Die Firma Allresist GmbH in Strausberg ist ein erfolgreiches, innovationsgetriebenes Chemie-Unternehmen, das in seinem Marktsegment Standards setzt. Die hochspezialisierten Lacke werden vor allem in der Mikroelektronik eingesetzt und finden im Mikro- und Nanobereich ideale Einsatzmöglichkeiten. Dass hier wirtschaftlicher Erfolg, ökologische Verantwortung und ein soziales Miteinander hervorragend in Einklang gebracht werden, liegt nicht zuletzt an dem großen Engagement und der Persönlichkeit der beiden Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens. Über die Anfänge der Firma in der Zeit der friedlichen Revolution und ihre durch den Ludwig-Erhard-Preis bestätigte Erfolgsstory sprach die Wirtschaftsförderung Brandenburg mit der Firmengründerin und Geschäftsführerin Brigitte Schirmer.

Brigitte Schirmer, Geschäftsführerin der Allresist GmbH in ihrem Büro
Brigitte Schirmer, Geschäftsführerin der Allresist GmbH

 

WFBB: Wie und wo haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

Brigitte Schirmer: Zu Hause, vor dem Fernseher. Ich habe die Aussage von Günter Schabowski, dass die Grenzen jetzt offen sind, direkt gehört und rief zu meinem Mann – der gerade in der Küche beschäftigt war – „Das kann nicht sein! Ich hab mich verhört… Du Matthias: Wir können jetzt rüber!“ Wir dachten erst, dass das eine Ente sei und es gleich wieder zurück genommen wird. Aus unserer Heimat wären wir zwar niemals weggezogen, haben uns aber in den nächsten Tagen gleich Pässe besorgt. Das Zipfelchen Freiheit wollten wir uns sichern. Die Möglichkeit, in die Welt zu reisen, war ein sehr gutes Gefühl. Ein paar Wochen später sind wir dann mit unseren Kindern nach der Schule nach West-Berlin gefahren und waren von dieser riesigen Auswahl und dem Angebot ganz schön erschlagen. Mehr als ein paar Süßigkeiten für die Kinder haben wir dann auch nicht gekauft.

 

WFBB: Was bedeutete der politische Umbruch für Sie und Ihr Unternehmen und was waren Ihre Befürchtungen und Hoffnungen?

B.S.: Unsere ersten Hoffnungen waren, dass sich diese DDR, unsere Heimat, aus eigener Kraft hochrappelt, alte Machtstrukturen abstreift, und junge Menschen nach vorne stellt, die es verstehen, sozialistische und humanistische Werte mit den Werten der persönlichen Freiheit, Innovationsfähigkeit und Leistung zu verbinden. Die Wende 1989 mit all den Demonstrationen und Runden Tischen war ein sehr positives Signal für uns. Nach den Demonstrationen in Leipzig wurde dann aber aus „Wir sind das Volk“, „Wir sind ein Volk“. Damit begruben wir die ersten Hoffnungen, hofften dann aber wenigstens auf ein einvernehmliches Zusammenwachsen nach dem Artikel 146, um auf Augenhöhe der BRD beizutreten. Durch den letztendlichen reinen Anschluss und die schnelle Währungsunion am 1. Juli 1990 brach jedoch für den Betrieb, in dem mein Mann und ich tätig waren – wie für viele andere Betriebe im Osten auch – der Markt der sozialistischen Staaten komplett weg. Mein Mann war damals in der Forschungsabteilung und ich in der Produktion der ORWO Fotochemische Werke in Berlin-Köpenick beschäftigt. Den Niedergang direkt mitzuerleben, hat einerseits richtig wehgetan, andererseits haben wir dadurch die Möglichkeit bekommen, die Produktideen meines Mannes umzusetzen. Bei den alten Strukturen wäre dies niemals möglich gewesen.

 

WFBB: Wie haben Sie den Übergang zur Marktwirtschaft empfunden?

B.S.: Sehr schmerzhaft war es, dass mit der Währungsunion sofort die ersten Maßnahmen mit Kurzarbeit und Entlassungen begannen und mitzuerleben, dass durch die Treuhand die meisten Betriebe abgewickelt und verkauft wurden. Daran denken wir nicht gerne zurück.

Für uns selber war es nicht so schlimm, weil wir auch die neuen Chancen und Möglichkeiten sahen. Wir waren noch jung und hungrig. Als einer der wichtigsten Kunden der FCW damals aus Qualitätsgründen abzuspringen drohte, sind mein Mann und ich zur damaligen Betriebsleiterin gegangen und konnten sie – durch Androhung unserer Kündigung – von unserem Verfahren überzeugen. Die erste Charge hat zwar nicht das gewünschte Ergebnis gebracht, aber mit der zweiten Charge von immerhin 150 Litern Fotolack und 1.000 Litern Entwickler – was eine große Menge ist – konnten wir den Kunden für das Unternehmen und unseren Bereich erst einmal sichern.

Wir haben danach angefangen, Kontakte zu anderen ostdeutschen Unternehmen wie zum Beispiel zu Modedruck Gera, aufzubauen, um unsere Produkte dort einzuführen. Diese Projekte haben uns viel Spaß und Bestätigung gebracht. Soweit, dass wir von unseren damaligen Kunden gefragt wurden, warum wir uns nicht selbständig machen. Als dann 1992 unser Bereich bei der ORWO zugemacht wurde, war dieser Gedanke schon so weit gereift, dass wir bereits am 16. Oktober 1992 die Firma Allresist gegründet haben. Unsere eigene Firma!

 

WFBB: Wie war der Neustart mit Ihrer eigenen Firma?

B.S.: Unsere Gründervision war ein innovatives, auf die Kunden ausgerichtetes Unternehmen mit einer gleichermaßen leistungsorientierten wie humanistischen Ausprägung aufzubauen. Also ein Unternehmen, so wie wir es uns schon zu DDR-Zeiten gewünscht hätten. Unsere Motivation war so stark, dass wir daran geglaubt haben: Wir schaffen das!

Da wir beide Naturwissenschaftler ohne BWL- und Marketingkenntnisse waren, dafür aber großen Optimismus und Selbstvertrauen hatten, haben wir uns gleich zu Anfang mit sechs Mitarbeitern personell und fachlich breit aufgestellt. Dies war einerseits sehr wichtig, damit wir unsere Produktpalette aufbauen konnten, andererseits aber finanziell schwer zu stemmen. Die für die Produktentwicklungen erforderlichen Gehälter haben wir teilweise über Kredite finanziert – eigentlich ein Wahnsinn, aber es ging nicht anders.

Außerdem sind uns 1993 einige Kunden weggebrochen, weil sie in Schieflage gerieten. In einigen großen Firmen wurde ein neues Management installiert, das seinen eigenen Einkauf mitbrachte. Auch hier gingen uns wichtige Kontakte verloren. In dieser Phase haben wir uns vor allem durch Förderungen aus wissenschaftlichen Projekten zur Entwicklung neuer Produkte über Wasser gehalten, aus denen wir großen Nutzen für unsere eigene Produktpalette ziehen konnten. Die ersten fünf Jahre bedeuteten eine Zitterpartie nach der anderen. Für nichts war Geld da und die Löhne konnten kaum wachsen, obwohl wir alle sehr hart gearbeitet haben. Das war sehr bitter.

 

WFBB: Was war Ihre bitterste, was Ihre gelungenste Entscheidung?

B.S.: Das ist schwer zu beantworten: Die wichtigste Entscheidung war natürlich die Gründung unserer Firma. Jetzt mit dem großen wirtschaftlichen Erfolg ist es natürlich auch die gelungenste. Entscheidend hierfür ist unser sehr partnerschaftliches Verhältnis zu unseren Kunden, mit denen wir mitgewachsen sind. Das CiS Erfurt, das heute einer unserer größten und wichtigsten Kunden ist, hat 1993 mit einem viertel Liter Lack begonnen. Heute beziehen sie jährlich 600 Liter Lack und 5.000 Liter Prozesschemikalien. Viele Produkte werden dort mit unseren Produkten produziert, die zum Teil von uns auf das CiS maßgeschneidert wurden. Zu unserem Erfolg hat auch beigetragen, dass wir 2006 das EFQM-Managementmodell aufgebaut haben und uns mit Bewerbungen an Wettbewerben und Benchmarks stetig vorwärtsentwickelt haben.

Die bitterste Entscheidung war im Jahr 2009, als wir in der Wirtschaftskrise Kurzarbeit anmelden mussten. Das hat uns und unsere Mitarbeiter sehr mitgenommen. Vor allem wäre diese Maßnahme rückblickend nicht zwingend notwendig gewesen, weil der Umsatz zum Jahresende wieder anzog. Zum damaligen Zeitpunkt war sie jedoch unvermeidbar, da wir nicht wussten, wie sich die Auftragslage entwickelt.

 

WFBB: Wenn Sie die Geschichte zurückdrehen könnten, in welchem Jahr würden Sie die Zeitmaschine stoppen, um eine andere Entscheidung zu treffen?

B.S.: In keinem. Wir haben alle unsere Entscheidungen immer sehr abgewogen. Die Entscheidung, mit „zu vielen“ Mitarbeitern zu starten, war strategisch und langfristig richtig – es war finanziell nur eine lange Durststrecke für uns.

Vielleicht aber das: Wir hätten bei der Einstellung neuer Mitarbeiter ab 2001 schon mehr Wert auf eine stärkere Vertriebsorientierung der Mitarbeiter legen sollen. Die Idee, wissenschaftliche Mitarbeiter zu Kundenberatern zu entwickeln, entstand erst mit zunehmender Kundenanzahl und unserem gewachsenen Marketing-Bewusstsein. Dass außer der Geschäftsführung auch weitere Mitarbeiter Kundenberatung und Kundenakquise betreiben, können wir auch anderen mittelständischen Unternehmen nur empfehlen.

 

WFBB: Haben sich die Bedürfnisse Ihrer Zielgruppe – bezogen auf Ihre Produkte – verändert und wie sind Sie darauf eingegangen?

B.S.: Mein Mann und ich haben bereits 1998 gemerkt, dass wir vor allem mit unserer Ausrichtung auf Kundenwünsche Erfolg haben können. Und mit unseren Erfahrungen aus der Produktentwicklung der damaligen DDR-Forschung hatten wir das Know-how, die Produkteigenschaften auf die jeweilige Technologiesituation des Kunden zuzuschneiden. Unser größter Schatz ist jedoch der, dass der Vertrieb inzwischen so organisiert ist, dass Allresist das Ohr am Kunden hat. Wir führen regelmäßig Kundengespräche mit ausführlichen Fachberatungen, Jahresendgesprächen und Kundenbefragungen. Wir nehmen die wesentlichen Kundenwünsche und Marktentwicklungen auf, verbessern dadurch unseren Service und passen unsere langfristige Forschungskonzeption für die Entwicklung neuer Produkte entsprechend an.

Auch die Lieferzeit hat für unsere Kunden einen zunehmend hohen Stellenwert bekommen. Waren noch vor 15 Jahren Lieferzeiten von zwei Wochen üblich, benötigen Kunden heute unsere Produkte innerhalb von zwei bis fünf Tagen. In unserer strategischen Produktionsausrichtung ist deshalb seit 2007 verankert, dass wir alle gängigen Produkte über das Jahr gleichmäßig nachproduzieren, also nahezu immer vorrätig haben. Unsere Kunden können ihre Produkte quasi sofort haben, wenn sie möchten. Ist seine Bestellung bis 11 Uhr bei uns, kann das Produkt am gleichen Tag gegen 14 Uhr per Spedition verschickt und am nächsten Tag beim Kunden ausgeliefert werden.

 

WFBB: Haben Sie eine besonders prägende Anekdote erlebt, die Sie uns erzählen wollen?

B.S.: Nachdem unser Bereich bei Kodak, die die ORWO damals übernommen hatten, geschlossen wurde, konnten wir zunächst ein Technikum auf dem Gelände der FCW anmieten und ein Jahr lang sehr kostengünstig nutzen. Wir haben mit den vorhandenen Möbeln und einem gebrauchten Faxgerät angefangen, was uns überhaupt nicht gestört hat. Im Gegenteil: Nachdem die Anlage geschlossen wurde, konnten wir dem Unternehmen das Mobiliar abkaufen. Dabei haben wir im Vorfeld alles daran gesetzt, vor allem den einen Schreibtisch aus der Registratur zu bekommen. Dort wurden nämlich alle Kundenlisten aufbewahrt! Der Kauf hat geklappt und somit sind ganz nebenbei auch diese wichtigen Informationen in unseren Besitz übergegangen. Wir kannten zwar die Firmen, aber hatten natürlich die ganzen Kontaktdaten und Ansprechpartner nicht. Wenn es notwendig geworden wäre, hätten wir sogar noch die Mitarbeiterin mit übernommen, nur um an den Schreibtisch heran zu kommen.

 

WFBB: Wo sehen Sie sich und Ihr Unternehmen in zehn Jahren?

B.S.: Wir erweitern dieses Jahr unsere Produktionskapazität bedeutend mit einem 150 Quadratmeter großen Anbau und verstärken uns 2015 und 2016 um je einen Mitarbeiter. Dieser Anbau wurde dringend erforderlich, weil uns unsere Kunden unsere Produktinnovation CSAR 62 aus den Händen reißen. Die Nachfrage ist so groß, dass wir CSAR 62 auch in großen Mengen selbst synthetisieren können. Die Wertschöpfung bleibt damit im Unternehmen und in Brandenburg.

Wir werden unser Unternehmen – wie in den letzten Jahren – auch in den nächsten zehn Jahren weiter nach dem Excellence Modell der EFQM ausrichten und uns mit unserem Qualitätsmanagement und unseren Produktinnovationen weltweit als die Nr. 1 für kundenspezifische Resists etabliert haben. Unser Auslandsumsatz wird dann mehr als 45 Prozent betragen und unser Umsatz sich mehr als verdoppelt haben. Auch das Firmengebäude wird wohl bis dahin nochmals erweitert worden sein und unsere Tochter als Nachfolgerin uns einen Teil des operativen Geschäfts abgenommen haben.

 

WFBB: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an das Land Brandenburg denken?

B.S.: Eine wundervolle Landschaft, ein ausgeprägtes soziales Klima und bürgernahe Politiker. Das Land Brandenburg kauft viele Seen und bewahrt sie somit als Allgemeingut für die Erholung ihrer Bürger. Brandenburg ist übersäht mit vielen kleinen und innovativ geprägten Unternehmen und Instituten und fördert somit die Vielfalt der Möglichkeiten und den wirtschaftlichen Erfolg aller Bürger.

 

WFBB: Wodurch hat das Land Brandenburg Sie als Person geprägt?

B.S.: Allresist ist nicht nur ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen, sondern auch sozial und ökologisch ausgerichtet. Neben unserem Qualitätsmanagement betreiben wir auch ein aktives Umweltmanagement und sind Umweltpartner des Landes Brandenburg. Damit passen wir gut zu Brandenburg und Brandenburg zu uns. Ohne die großzügigen Förderungen des Landes Brandenburg, wie zum Beispiel beim Bau des Gebäudes und in wissenschaftliche Expertisen der WFBB, die der Entwicklung marktreifer Produkte in Kooperation mit anderen teils auch Brandenburger Unternehmen und Instituten dienen, wären wir weder wirtschaftlich noch ökologisch so erfolgreich geworden. Dafür sagen wir heute danke.

 

WFBB: Der Dank ist ganz auf unserer Seite. Wir wünschen Ihnen, Ihren Mitarbeitern und Ihrem Unternehmen alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Wir sind fest davon überzeugt, dass sich Ihre Pläne für die zukünftige Entwicklung Ihres Unternehmens bestätigen werden.

 

Brandenburg hat sich in den 25 Jahren seit dem Fall der Mauer erfolgreich zu einem modernen Wirtschaftsstandort entwickelt. Dieser Erfolg ist eng mit dem persönlichen Einsatz von Unternehmern und Beschäftigten verbunden. Anlässlich des Jubiläums hat die Wirtschaftsförderung Brandenburg Unternehmer und Unternehmerinnen zu ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Entscheidungen in dieser bewegenden Zeit befragt.

Interne Links

Externe Links